Sendung v. 18.12.

Sonntag, 16. Dezember 2007

Sendung v. 18.12. / erste Arbeitskopie

Die geistige Heimat / Folge 4
www.diegeistigeheimat.twoday.net
BR - Nachtstudio
Andreas Ammer


* Intro-Musik: Dusty Springfield „Windmills of your your mind“; nach 51“ (beim Refrain) ausblenden; darüber der Text *
1 Die Heimat: Das ist keine Landschaft, in der Herzen schlagen oder Hüte hängen. Heimat ist die Gemeinschaft der Gefühle. Die institutionalisierte Gemeinschaft der Gefühle aber ist die Nachricht. Am besten die Nachricht von bleibendem Wert. Diese allerdings sind rar und nicht immer auf Anhieb zu erkennen. Und erst aus vielen Nachrichten bildet sich das fiktive Gebilde einer geistigen Heimat.
2 Was unterscheidet denn eine geistige Heimat von der wirklichen Heimat?
1 Nehmen wir zum Beispiel unseren Kolumnisten ... hallo Herr Kolumnist? Wo stecken Sie?
A Ausnahmsweise und vorweihnachtlich daheim.
2 Ihr Wohnort, hört man, sei am Starnberger See? Wo aber könnte für einen durchschnittlichen Bayern die ideale geistige Heimat liegen?
A Irgendwo bei Guantanamo!
2 Das müssen Sie erklären!
A Ganze einfach: Bitte Sprecher 1!
* Musik Chronomad, Shish, darüber nach dem Akzent *
1 Wenn unser Kolumnist behauptet, am Starnberger See zu wohnen, aber seine geistigen Heimatgefühle in Kuba verortet, dann will er damit sagen, dass in jüngerer Vergangenheit kaum ein Ort das Selbstbild der westlichen Welt mehr geprägt hat als jene von niemanden von uns bisher gesehene Gefangenenanstalt auf Kuba, in der die Menschenrechte gefoltert werden.
2 Das will heißen: dort sind sie zerschellt, unsere aufgeklärten europäischen Träume von Freiheit und Demokratie? Was wir Europäer heute über uns denken, müssen wir an Guantanamo schulen?
1 Exakt! Sie haben es verstanden!
2 Und damit zur geistigen Heimat 2007 / Vierter und letzter Teil. Unser Kolumnist vergibt – wie in jedem Quartal - zwischen einem und fünf Heimat-Punkten für die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Monate.
1 Wir übergehen am vergangenen Wochenende vermeintlich wichtige Ereignisse wie den lächerlichen Klimagipfel von Bali, an denen höchstens in Erinnerung bleiben wird, wie kleinkariert um die Welt jettende Journalisten um die Welt jetttenden Politikern vorrechnen, wie viel CO2 sie ausstoßen.
2 Unserem Kolumnisten, der wie jeder Mensch qua Existenz permanent CO2 ausstößt, entlockt so etwas nur ein lächerliches Pünktchen.
* Musik Chronomad, Shish, darüber nach dem Akzent *
2 Wir gehen zurück.
1 Wir landen am vorletzten Sonntag: T minus 9 Tage: Jahresrückblick auf RTL. Stellvertretend für alle die da waren und kommen: Der Vorzeige-Fernsehen-Intellektuelle Günter Jauch präsentiert mit „Menschen, Bilder, Emotionen“ seinen Jahresrückblick und damit so etwas wie das Konkurrenzprodukt zu unserem Bemühen um eine „geistige Heimat“.
2 Die Republik schwelgt – glaubt man den Einschaltquoten - in der werberelevanten Zielgruppe mit bis zu 28,4 % im Rückblick auf das per Fernsehen gelebte Jahr.
1 Das war das Jahr, sagt jetzt jeder Sender und sendet, was er das Jahr über so sendete. Bei Jauch treten auf: Oscar-Preisträger, ehemalige Arbeitsminister. Lebensretter und wenn das das Jahr gewesen sein soll ....
A ... dann möchte man es lieber nicht gelebt haben. 0 Punkte
1 Wenn das Jahr so leer ist, wie solche Rückblicke es uns weißmachen, dann lohnt sich, eingeklemmt zwischen Dieter Bohlen, Oliver Pocher und Henry Maske das ganze Leben nicht. Nein, das Leben muss wo anders toben.
* Musik Chronomad, Shish, darüber nach dem Akzent *
2 Vielleicht vier Tage früher bei T-13. Dem Mittwoch an dem der größte Jackpot den das deutsche Lotto je kannte, geknackt wurde. Wir gratulieren den drei Gewinnern, wundern uns aber doch, wie die aussichtslose Chance ein solcher zu sein, hysterisch ein ganzes Volk erfaßt. Als ob der Gewinn von 43 Millionen einen reicher machen würde als der Gewinn von 3 Millionen.
1 Wobei das eine wie das andere nur ein Hauch ist im Vergleich zu jenen 43 Milliarden Euro, die die Sächsische Landesbank angeblich als Gesamtrisiko in den Bilanzen stehen hat.
2 43 Milliarden Euro Risikokapital bei einer Landesbank, die es noch nicht mal 20 Jahre gibt. 43 Milliarden, das ist ungefähr 3mal so viel wie der Gesamthaushaushalt Sachsens. Kein normaler Mensch kann sich vorstellen, wie eine solche Summe überhaupt zu Stande kommt. Das ist 1000 mal der größte Jackpot aller Zeiten Jackpot und der ist schon 1000 mal so groß wie ein überdurchschnittlicher Jahresverdienst.
1 Anders gesagt: Die Landesbank verliert vielleicht das durchschnittliche Jahreseinkommen einer Million Menschen? ... Soviel Kunden hat die Landesbank doch gar nicht
2 Aber es muss hoch bezahlte Bankmanager geben, die diesen Verlust, für den der Steuerzahler jetzt zum Teil bürgen wird, verschuldet haben.
A Mir wird schwindelig!
1 ... behauptet unser in Finanzdingen stets total überfordete Kolumnist. Wieviel Punkte bekommen die 43 Milliarden Risikokapital der Sächsischen Landesbank?
A 4 von 5.
2 Und der Lotto-Jackpot?
A 3 Punkte für die 3 Jackpot-Gewinner.
* Musik Chronomad, Shish, darüber nach dem Akzent *
1 Wir gehen nur einen Tag zurück; T minus 14. Unvergessen der Tag als ein
Drama, das uns alle über Monate beschäftigt hatte, ihr vorläufiges Ende fand.
A Halt! Das verraten wir noch nicht. Weiter bei T minus 16 bitte!
2 T minus 16: die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft trifft bei der kommenden Europameisterschaft nicht auf Frankreich, Holland oder Italien, sondern auf Österreich, Kroatien und Polen.
1 Ich höre unseren Kolumnisten schon zucken:
A Ich vergebe 5 Punkte.
2 Denn nichts gehört so sehr zum deutschen Selbstverständnis und zur mentalen Innenausstattung dieser Republik als die Gewissheit, eine vom Losglück auserwählte Turniermannschaft zu sein. Wenn deutsche Manager alles Geld dieser Welt in amerikanischen Kreditmärkten versenkt haben, wird doch immer noch Deutschland in einen Lostopf mit Österreich landen.
A Wir gehen zurück!
2 T minus 39. Ein Tag der Parallelaktionen: Es ist der 9. November: der Tag der Reichskristallnacht, der Tag an dem einstmals Scheidemann die Republik ausrief, Hitler erstmals putsche und späater die Mauer fiel. Dieses jahr ist es der Erstverkaufstag eines Mobiltelefons. All dies ist nichts gegen das meistdiskutierte Ereignis an diesem Tag in diesem jahr: Es ist der Tag als eine in vierter Ehe lebende und sich als Vorzeige-Fernsehmutter aufspielende blonde Ansagerin eine Talkshow bei laufenden Kameras verließ, ...
1 ... was in der ganzen Bundesrepublik für Diskussionsstoff sorgt,
2 Am gleichen Tag beschließt der Bundestag ein Gesetz, nachdem jeder deutsche Bürger prinzipiell verdächtig ist und die Überwachung seiner Telekommunikation kein großes Problem mehr darstellt. Dieses ganz und gar unerhörte Gesetz wird mit zwei Drittel Mehrheit angenommen.
1 Es gibt geringe Proteste, aber keine allzu große Diskussion.
2 Das Gesetz verspricht schlicht die, Zitat, „Neuregelung der Telekommunikationsüberwachung“ und tritt an mit dem Ziel, nochmal Zitat:
1 „ein harmonisches Gesamtsystem der strafprozessualen heimlichen Ermittlungsmethoden zu schaffen“
A Was für ein schöner Ausdruck, bitte nochmal:
2: Angestrebt ist:
1 „ein harmonisches Gesamtsystem der strafprozessualen heimlichen Ermittlungsmethoden zu schaffen“
2 Derart in ein Wortgeklingel aus Harmonie und Heimlichkeit verpackt, wandelt sich die Bundesrepublik langsam zu einer Softversion jenes Überwachungsstaates, den sie in Gestalt der DDR an genau diesem 9. November einstmals heroisch abgeschafft hat. Die Bürgerrechte werden weiter beschnitten. Ein weiterer Schritt auf dem Weg in ein digitales Guantanamo für die eigenen Bürger.
1 Laß uns raten, lieber Kolumnist: 5 Punkte?
A Klar, aber was wurde aus Eva Herman? Überwacht die keiner? Sie würde es genießen!
* Musik Chronomad, Shish, darüber nach dem Akzent *
1 Angesichts der telekommunikativ harmonischen Totalüberwachung macht auch Sinn, was bei T minus 35 geschah und was wir anfangs in seinem welthistorischen Dimensionen fast übersehen hätten:
2 Die Telefongesellschaft China Mobile hat den Mount Everest an ihr Handynetz angeschlossen. Man hat auf 6500 Meter Höhe einen Sendemast installiert, der auch vom höchsten Berg der Erde fast störungsfreies Telefonieren erlaubt.
A Na endlich! Zwei Punkte; wir gehen zurück.
2 Fünf Tage früher, T minus 40, eine weitere Etappe unseres Quartalsthemas, das wir noch nicht verraten. Nur soviel: Diesmal betrifft es den Güterverkehr. Deutsche Manager sprechen angesichts des Ereignisses von einer volkswirtschaftlichen Katastrophe für die Volkswirtschaft. Unser Kolumnist fragt sich:
A Sind sie das nicht selber?
* Musik Chronomad, Shish, darüber nach dem Akzent *
2 Wir gehen zurück
1 T minus 41. Irgendwo zwischen Jackpotwahn, Milliardenverlusten der Banken und den Berichten über Schmiergeldaffären der Konzerne muss die folgende Meldung angesiedelt werden:
2 10 Prozent der Bevölkerung Deutschlands besitzen mehr als zwei Drittel aller finanziellen Rücklagen. Das heißt, sie haben Besitz. Die Hälfte der Bürger hat hingegen keine finanziellen Sicherheiten.
2 Früher wäre so etwas eine Aufforderung zum Klassenkampf gewesen.
1 Heute nimmt man das – auch als jemand der keine Rücklagen besitzt – die Achseln zuckend hin.
2 So sehr wind wir heimisch geworden als Untertanen. Und bestaunen vei T minus 44.
1 Eine Meldung, die kaum eine ist: Die USA lassen elf der rund 330 Menschen frei, die seit Jahren in Guantanamo festgehalten und gefoltert werden. Unser Rezensent vergibt
A Fünf Punkte mit Stern.
2 Denn wie eingangs erläutert, gehört die Gründung des Lagers von Guantanamo vielleicht zu dem schlimmsten Ereignissen, die der freien Welt im letzen halben Jahrhundert zugestoßen sind.
1 Noch schlimmer ist nur, dass sich die Welt darüber eigentlich einig ist, aber es nicht schafft, effizient dagegen zu protestieren.
2 Noch viel schlimmer ist, dass der amerikanische Außenminister im Beisein seines deutschen Kollegen unwidersprochen behaupten darf, das Gefangenenlager sei, Zitat,
1 „für uns Amerikaner hauptsächlich ein PR Problem“.
* Musik Chronomad, Shish, darüber nach dem Akzent *
1 T minus 74: Endlich zum bestimmenden Thema das Quartals: Es ist der Lokführerstreik, das letzte Rudiment des Klassenkampfes in dieser befriedeten und korrupten Republik:
2 Am 5.10 verbietet ein ostdeutsches Gericht den Lokführern das Bestreiken des Fernverkehres. Es kommt in der Folge zu diversen kleineren Streiks, die derzeit ausgesetzt sind, ohne dass sich die Lokführer mit dem Millionenverdiener Mehdorn über ein neues Gehalt verständigt haben
1 Verblüffend war nicht, dass die chronischen wenig verdienenden Lokführer in den Streit traten; verblüffend war, das eine halbe Republik inklusive einiger Gerichte den Lokführern das urdemokratische Recht auf Streik aberkennen wollten, weil dieser Streik wirklich jemanden zur Last viel.
A 5 Solidaritäts-Punkte!
2 ... vergibt unser Kolumnist, der alte Klassenkämpfer, und schreibt uns ins Manuskript noch die Frage:
1 Wo liegt das Problem, wenn ein paar Tausend Lokführer ein paar Prozent mehr Lohn wollen, wenn hoch bezahlte Manager in diesem Land ungestraft 43 Milliarden Verlust machen.
2 Das verstehen wir nicht.
1 Nein, das verstehen wir nicht!
A Wollen wir auch nicht verstehen. Noch was?
* Musik Chronomad, Shish, darüber nach dem Akzent *
1 Eins noch: T minus 75: Am 5. Oktober verhängt das Landesgericht München gegen den ehemaligen Vorzeigekonzern Siemens ein Bußgeld von 201 Millionen Euro. Geahndet wurde das Verhalten eines Managers, der bei Geschäften mit Russland, Nigeria und Libyen in 77 Fällen hohe Bestechungsgelder gezahlt hatte.
2 Wir bei der geistigen Heimat würden unser gesamtes Sprecherhonorar darauf verwetten, dass dieser Manager, der jetzt als Kronzeuge auftritt und somit auf Straferlaß hofft, wie vordem auch der Aufsichtsratschef eine hohe Abfindung vom Konzern kassiert hat.
1 Nicht ohne eine gewisse Schadenfreude verweisen wir von der geistigen Heimat darauf, dass das ehrenwerte Land Nigeria, das sich im so genannten Korruptionswahrnehmungsindex ...
2 was es nicht alles gibt!
1 ... im Korruptionswahrnehmungsindex auf Platz 147 von 179 Ländern befindet, und somit eines der am meisten von Korruption zerfressene Land der Welt ist, dass dieses Nigeria mittlerweile alle Aufträge an Siemens storniert hat. Der Konzern sei zu den Afrikanern schlichtweg:
2 Zu korrupt.
A 4 Punkte, Ehrensache!
1 Womit wir ein Rekordergebnis verbuchen: Das letzte Quartal 2007 erhält weit überdurchschnittliche 3,0 Punkte.
2 Und das alles nur weil es uns den Unterschied zwischen 43 Milliarden und einem Lokführergehalt ...
1 ... den zwischen einer Ansagerin und dem Überwachungsstaat ...
A ... und den zwischen Starnberg und Guantanamo klar machte.
* Outro-Musik „King’s Sisters“ Ende (Die letzten 33“) von „Windmills of your your mind“ *

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